
Eigenverantwortung ist keine Entscheidung
In den letzten Jahrzehnten erwachte im Menschen immer mehr das Bewusstsein für die Eigenverantwortlichkeit, was sich zunächst in einer Überbetonung der Eigenbestimmung äußerte und bisweilen in purem Individualismus endete, und heute zunehmend Ausdruck in den Reglementierungen unserer Systeme finden. Die Eigenverantwortung wird institutionalisiert.
So weit so gut!
Dieser sehr geraffte Abriss bezeichnet einen wichtigen Schritt im menschlichen Wachstum. Es bedeutet eine unabdingbare Notwendigkeit, Eigenverantwortung zu übernehmen und Eigenverantwortlichkeit zu lehren und vor allem zu leben. Letzten Endes liegt diese ja am Ende aller Überlegungen über eigene Geschicke, wie sie verliefen und wie man sie in der Zukunft gern realisiert sähe. Am Ende nämlich stellen wir fest, dass jeder für sein Schicksal und das seiner Umgebung selbst verantwortlich ist. Beide stehen in direktem Bezug zueinander und bedingen sich gegenseitig. Und wer verantwortungsvoll mit seiner Umwelt umzugehen weiß, wird dies auch auf sich selbst beziehen können.
Wie erreicht man ein Bewusstsein für Eigenverantwortung?
Zum einen ist es wichtig, dass der Mensch Konsequenzen kennenlernt. Wer das Ursache-Wirkungsprinzip in manchen Situationen nicht kennt, ist wahrscheinlich hinterher etwas ernüchtert aus dieser Szenerie erwacht. Einmal begriffen, weiß man im Vorfeld, basierend auf mannigfaltigen Erfahrungen der verschiedensten Ebenen, welche Entscheidung zu treffen ist, um möglichst positive Ergebnisse zu erzielen.
Zum anderen braucht der Mensch eine Erfahrungsvielfalt an Informationen, um solcherlei Entscheidungen treffen zu können. Diesen Auftrag haben für gewöhnlich in frühen Jahren des Menschenlebens die Eltern, die Lehrer und Ausbilder, die Entscheidungsträger generell. Dass es etwas verfrüht wäre, von einer 13jährigen ein Höchstmaß an Verantwortung zu erwarten, steht, glaube ich, außer Frage.
Genügend Information gesammelt und die nötigen Fähigkeiten zum Nutzen dieser antrainiert, kann der Mensch fortan selbstbestimmend und vor allem eigenverantwortlich durchs Leben schreiten. So sieht es auch das Gesetz vor, indem man mit 18 Jahren voll-mündig ist und haftbar für jeden Fehler den man von nun an begeht.
Und wie sieht es in der Praxis aus?
Nun ja, verstanden haben das im Prinzip die meisten. Vor allem, wenn es darum geht einen Schuldigen zu finden, dem die Verantwortung zuzuschreiben ist. Dieser wiederum sieht sich oft als Opfer widriger Umstände, für die er allein nicht verantwortlich zu machen sei. Womit er vermutlich Recht hat. Manche in seiner Umgebung hatten vielleicht vergessen, dass sie über die Eigenverantwortung hinaus auch eine Verantwortung für ihre Umwelt besitzen und haben somit eventuell dessen Entwicklung negativ beeinflusst. Vielleicht aber ist es auch eine simple Ausrede, denn die Entscheidungen traf er selbst.
Wenn es darum geht, sich selbst als Schuldigen betrachten zu müssen, fällt es einem meist schwer, seine Umwelt in diese Betrachtung nicht mit ein zu beziehen. Auch hier mag das zutreffen, auch hier gab es vielleicht widrige Einflüsse, vielleicht aber ist es nur mal wieder das falsche Ego, dieser Hund, der sich mal wieder von allem reinwaschen will, sich herausputzt und seinen imposanten Tanz aufführt, zu dem alle sein Lied singen sollen. Wer weiß...
Und, wenn es darum geht, sich als Opfer sehen zu müssen, fällt es uns hingegen im Gegenzug schwer, eine gewisse Eigenverantwortung erkennen zu können. Und das, obwohl erwiesenermaßen nichts ohne eigenes Zutun geschieht.
Wir sehen, Eigenverantwortung ist tatsächlich nicht trennbar von der Verantwortung für seine Umwelt. Lediglich eine allzu stark egozentrische Sichtweise, verhindert eine klare Sicht auf die Verhältnisse. Es herrscht keine durchgehende Klarheit über die Eigenverantwortlichkeit und ihre Natur. Wie oben beschrieben, wird sie je nach Blickwinkel mal so, mal so betrachtet und gewichtet.
Somit lässt sich dieses Phänomen auch mal so und mal so für gewisse Zwecke benutzen. Je nach Bedarf lässt sich das Gewicht der Eigenverantwortung mal etwas mehr nach hier und ein anderes mal etwas mehr nach da verschieben. Immer entsprechend des Zweckes, der verfolgt wird.
Und was ist passiert?
Es ist ein nicht übersehbares Phänomen unserer Zeit, dass die Heranbildung einer Individualität in purem Individualismus endete. Ein Individualismus auf sehr egozentrischer Basis. Mit allen "Errungenschaften" der Neuzeit wurde der Mensch zusehend auf diese Sichtweise gestoßen. Das eigene Bedürfnis steht in allen Bezügen im Vordergrund, Selbstlosigkeit wird belächelt und ist in den meisten Bereichen "unproduktiv und ineffizient". Die Gruppe dient dem eigenen Aufstieg, der Verein dem eigenen Wohlstand, die Partei den eigenen elitären Interessen. Alles demokratisch legitimiert durch das Leistungsprinzip und liberale Märkte.
Es besteht auch keine Veranlassung, daran was zu ändern. Diese Form des Individualismus lässt die Kassen klingeln, nicht zuletzt weil sie durch Markenprodukte und Produkte des Lifestyles zum Ausdruck gebracht werden.
Wir wissen auch, dass massenweise Produkte auf dem Markt sind, dessen Gebrauch schädlich für sich und seine Umwelt sind. Und hier beginnt die Krux: Wer ist verantwortlich? Der Produktgeber oder der Produktnehmer durch den Gebrauch?
In vielen Bereichen mag dieser Sachverhalt klar geregelt sein, in anderen herrscht eine heillose Verwirrung darüber. Ich meine: streng genommen machen unsere deutschen Gerichte den ganzen Tag nichts anderes, als hierüber ein Urteil zu fällen.
Nun heißt Recht haben noch lange nicht, dass man Recht bekommt. Und wer übernimmt hierfür die Verantwortung?
In den Vereinigten Staaten hat diese Verwirrung (oder sollte man sagen dieser Wahnsinn?) solche Ausmaße angenommen, dass man auf Mikrowellen darauf hinweisen muss, keine Haustiere darin zu trocknen. Und dies, weil irgendein Hirni seinen kleinen Hund nach dem Baden in der Mikrowelle trocknen wollte. Er bekam vor amerikanischem Gericht Recht mit der Begründung, der Hersteller hätte auf diese Gefahren hinweisen müssen. Hierzulande schütteln wir (noch) die Köpfe darüber.
Doch lassen sich auch in unseren Landen hin und wieder Eigenartigkeiten in der Auffassung von Eigenverantwortlichkeit erkennen. Speziell in politischen Fragen, und dort vor allem in den sozialen Bereichen, lässt sich bisweilen erkennen, dass man widerstreitende Auffassungen besitzt. Ohne lange Ausführungen möchte ich da auf die Arbeitslosigkeit und die Altersvorsorge verweisen. Aber auch an das gesamte soziale Netz. Überall wird bewusst und beliebig mit der Eigenverantwortung gespielt. Wie ein Stein in der Zwickmühle mal hierhin, mal dorthin geschoben. Natürlich immer mit den passenden Argumentationen und statistischen Erhebungen und Einschätzungen von Experten.
Selten werden die Zusammenhänge in ihrer Komplexität betrachtet und entsprechend ihrer Wirkungskraft gewichtet. Meistens werden Sachverhalte aus einseitigen Blickwinkeln betrachtet, die letzten Endes nur eigenen Interessen dienen und somit fragwürdig sind, was das Bewusstsein für Eigenverantwortung angeht. Denn diese ist ja mit der Verantwortung für seine Umwelt verknüpft.
Ich möchte ein kleines Beispiel anbringen: Wenn, wie letzztens Nokia, ein Unternehmen sich entschließt, in einem Billiglohnland in Zukunft produzieren zu wollen, ist dies ein legitimer Vorgang in unser wirtschafts- und vor allem gewinnorientierten Welt. Darunter müssen nun aber Tausende leiden, die nun plötzlich auf der Strasse stehen, deren Kinder somit nun am untersten Ende der Kette angelangt sind, ja: deren Ehen zerbrechen, von denen manch einer Selbstmord begeht, dessen Tochter das niemals verkraften kann und mit 18 auf einer Bahnhofstoilette mit einer Nadel im Arm tot aufgefunden wird. Okay, ist eine ersponnene Geschichte, aber vielleicht traurigerweise irgendwann einmal genauso wahr, weil vorstellbar. Und das noch unterstützt mit Millionen-Subventionen, also Steuergeldern, die wir zahlten.
Wer trägt da die Verantwortung für?
Nokia? Weil sie nach Rumänien gingen und völlig "normale" Globalisierungsmöglichkeiten nutzten und Gelder kassierten, die ihnen zugesprochen wurden?
Oder das Land, dass es auch noch mit Millionen unterstützte, vielleicht nicht zuletzt um Wählerstimmen, angesichts der Jobschaffung, zu gewinnen und dabei "vergessen" hatte, Bedingungen ordentlich festzuhalten, um sich hinterher genauso entrüstend, wie zuvor begeistert, noch einmal in Szene zu setzen?
Oder sind die Nokia Mitarbeiter vielleicht schuld? Die Rumänen jedenfalls arbeiten billiger! Hätten ja woanders arbeiten können.
Die Komplexität der Zusammenhänge und die Systematik der Reglementierungen lassen hier keine klare Möglichkeit eines Urteils! Man kann es so oder so sehen, je nachdem welche Richtung man verfolgt.
Woran mag das liegen?
Nun, wenn alle Entscheidungsträger, die mit der Zuweisung von Verantwortlichkeit so leichtfertig und willkürlich umgehen, bleibt es logischerweise nicht aus ebenso mit der Eigenverantwortlichkeit zu verfahren. Es wird so getan, als sei Eigenverantwortlichkeit eine Sache, zu der man sich nur einmal zu entscheiden bräuchte. Man kennt sie die Sprüche: "Mensch Junge! Jetzt zeig aber mal ein wenig Verantwortung!". Fast so, als könne man sagen: "Okay, dann will ich mal nicht so sein. Ab heute bin ich eigenverantwortlich!".
Eigenverantwortung hat direkt mit dem eigenen Bewusstsein zu tun. Hierzu kann man sich auch nicht entscheiden, das erwirbt man sich. Eigenverantwortung in ihrer Einheit mit Verantwortung für die Umwelt ist ein Lernprozess, ein Entwicklungsprozess.
Und wenn dieser Prozess durch beschriebenen Individualismus, ja: Egoismus gestört wird, entstehen nutzbare Zweifel und Differenzen, die sich je nach Geschmack auslegen lassen. Hält man dann ganze Wirkungsketten im Dunkel, lassen sich Eigenverantwortlichkeit wunderbar als Waffe einsetzen. Da kann man dem Volk ganz schnell mal die Notwendigkeit einer privaten Altersvorsorge verkaufen, obwohl er Jahrzehntelang Zigtausende Euro in die Kassen stopfte. Oder private Zusatzversicherungen, bevor man seine Nahrung nur noch püriert zu sich nehmen kann. Oder, um einen würdigen Lebensabend zu erleben und nicht sediert und sabbernd, wundgelegen und misshandelt in irgendeinem verantwortungslosen Seniorenheim zu landen, wenn man sich das überhaupt leisten kann.
Ohne Probleme wird aber auch genauso nach oben gewiesen mit dem Finger. "Die da oben müssen da mal was machen!"
"Recht so!", denken die, "Solange ihr nicht wisst, was wirklich in eurer Eigenverantwortung liegt und was in unserer, können wir die Bedingungen je nach Zweck mal hierhin und mal dorthin schieben!"
Und siehe da: Es funktioniert wunderbar! Eigenverantwortung wurde instrumentalisiert. Eigenverantwortung ist somit willkürlich diktierbar. Ich erinnere an die Mikrowellen-Story weiter oben.
Eigenverantwortung ist keine Entscheidung und auch keine Verhandlungssache! Eigenverantwortung ist Teil des Bewusstwerdungsprozesses!
Es wäre uns allen gut geraten, dies zu erkennen. Zumindest jenen, die sich nicht länger diktieren lassen wollen, die sich nicht länger dem Irrtum hingeben wollen, Verantwortung könne gesetzlich geregelt werden. Ihr wisst: Recht haben heißt nicht recht bekommen!
Es ist wichtig die Gesamtzusammenhänge in großen Bereichen erfassen zu können, um Entscheidungen darüber fällen zu können, was in der Eigenverantwortung liegt und was in der Verantwortung anderer. Wenn nun vieles nicht gewusst wird, also nicht bewusst ist, könnte eine Einschätzung sehr fehlerhaft aussehen. Könnte es unter anderem daran liegen, dass man uns viele Zusammenhänge vorenthält? Dass man Einstellungen instrumentalisiert, um Zweifel und Irrtum aufrecht zu erhalten?
Darüber sollte man sich mal bewusst werden, wie es wirklich ist in seiner Gesamtheit. Dazu kann man sich nicht entscheiden!